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Kommentar zu http://www.journal21.ch/rache

“Denn im Kern des Moralischen steckt die Rache.” Eine höchst fragliche Perspektive resp. Ethik, die dieser Moral zu Grunde liegt.

Dharma ist die Essenz, die eine Gemeinschaft von “Gesetz des Dschungels” unterscheidet. Barmherzigkeit ist Teil einer Dharmischen1 Gemeinschaft. Die Schwachen und Kranken werden nicht ihrem Schicksal überlassen, sondern die Gemeinschaft hilft auch dem Schwächsten. Der Täter ist nicht einfach nur böse, sondern hat eine Geschichte, eine Vergangenheit und eine Entwicklung, die ihn zum Täter werden liess. Diese Entwicklung ist korrigierbar. Das Böse ist die Absenz von Licht und Liebe (Liebe in einer tieferen Bedeutung als „chocolate and roses“). Ein Täter kann geheilt werden – zumindest im Prinzip.

In einer modernen Gemeinschaft wird die Rache an die Justiz abgegeben. Der Täter wird einerseits bestraft, als Abschreckung für andere. Dies ist zum Nutzen der Gemeinschaft. Andrerseits soll der Täter – und dies ist die höhere Gemeinschaft, die Dharma integriert hat und sich von einer primitiven Gemeinschaft unterscheidet – durch die Strafte korrigiert werden, „geheilt“ werden, so dass er der Gemeinschaft nicht mehr schadet. Er war auf Abwegen und wird wieder zurück geführt.

Rache als Selbstzweck ist in einer Dharmischen Gemeinschaft nicht möglich. Die Rache kommt in Form der Bestrafung, sie muss aber einen Zweck für die Gemeinschaft erfüllen.

Eine böse Gesinnung, Profitstreben auf Kosten von Menschenleben und der Gesundheit von Vielen, ist zu verachten. Seveso, Bhopal und andere menschengemachte Katastrophen sind hier zu nennen. Die Gemeinschaft könnte hier Rache nehmen und die Verantwortlichen für ihr rücksichtsloses und menschenverachtendes Gewinnstreben zu hohen Strafen verurteilen. Diese Form der Rache wäre eine Abschreckung für andere (i.e. „wer durch rücksichtsloses Gewinnstreben andere schädigt oder gar tötet, wird drastisch bestraft werden“). Die Rache wäre nützlich für die Gemeinschaft. Das Riskio einer horrenden Strafe wirkt abschreckend auf jene, die auf Profit aus sind; denn Profitdenken wägt normalerweise die Risiken gegen den Gewinn ab. Gerade hier jedoch versagt die Justiz; Firmen werden mit Samthandschuhen angefasst.

Einen geistig kranken Sexualstraftäter auf den elektrischen Stuhl zu bringen, ist jedoch eine Form der Rache, die keinen Abschreckungseffekt hat. Kein zukünftiger Täter wird dadurch abgeschreckt, da die Grundlage seines Handelns nicht eine Kosten-Nutzen Abschätzung beinhaltet (e.g. „Wenn ich den kleinen Bub vergewaltige und umbringe, kriege ich bloss 5 Jahre, bei 15 würde ich es jedoch nicht tun.“).

Sicherheitsverwahrung – das Wegsperren eines Täters aus Sicherheitsgründen – ist keine Rache, sondern Mittel zum Zweck. Da die Freiheit des Einzeln, i.e. seine Grundrechte jedoch tangiert sind, ist die Sicherheitsverwahrung nur das letztmögliche Mittel. Ansonsten beraubt sich die Gemeinschaft ihrer Freiheiten, die sich zu schützen hat.

Die steigende Tendenz, die “Kuscheljustiz” zu kritisieren, ist eine traurige Entwicklung. Wollen wir zurück zum Mittelalter gehen oder noch weiter und Folter und das öffentliche Steinigen wieder einführen? Sind unsere Werte derart verkommen, dass wir uns am Leiden anderer ergötzen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar (Folterverbot). Dies ist eine wesentliche Errungenschaften unserer Neuzeit und sie gilt auch für Kriminelle. In Nietzsche’s Worten: Unser Verbrechen gegen die Verbrecher ist, dass wir sie wie Schufte behandeln.

Es ist Aufgabe einer modernen Dharmischen Gemeinschaft, das Bewusstsein aufrecht zu erhalten, dass anstelle der persönlichen Rache und des “Lex talionis” ein tiefgründigeres Prinzip zu stehen kommt: Verhinderung von zukünftigen Verbrechen und Korrektur des Täters, beides zum Wohle der Gemeinschaft.

Keine Rache bringt ein getötetes Opfer wieder zurück!

1Mit Dharmischer Gemeinschaft meine ich nicht eine Buddhistische Gemeinschaft, auch wenn der Begriff aus dem Buddhismus stammt, sondern eine Gemeinschaft, die höhere Werte, Dharma, in die Gemeinschaft integriert hat, auch wenn sie nicht derart benannt werden.

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